Sennelandschaft
Sand, Eis, Wind und Wasser
Die Senne hat ihr heutiges Gesicht in verschiedenen Kaltzeiten der Erdgeschichte und in der jetzigen Warmzeit erhalten. Eis, Wasser und Wind waren die maßgeblichen Kräfte, welche die Landschaft formten. Die Gestaltung der Landschaft begann vor etwa 200.000 Jahren, als beim Abschmelzen eines Gletschers Schmelzwasser südwestlich des Teutoburger Waldes in das Gebiet der heutigen Senne abfloß, vor einem zweiten Gletscher aufgestaut wurde und große Mengen mitgeführten Sandes abgelagert wurden. Es entstanden Sandschichten, die stellenweise über 60 Meter mächtig sind. Der Sand stammte zum überwiegenden Teil aus dem Teutoburger Wald, dort wurde er vom Eis abgerieben.

- Gletscherbewegung während der Saale-Eiszeit (aus: SKUPIN, SPEETZEN & ZANDSTRA 1993)

- Naturräume in Ostwestfalen
(aus: HUTTER, SCHROEDER & RÜTHER 2000)
In der nächsten Kaltzeit, die vor etwa 70.000 Jahren begann, reichte das Eis nicht mehr bis in unsere Gegend. Bei den damals vorherrschenden Klimabedingungen war üppiger Pflanzenwuchs dennoch nicht möglich. Bäume, Sträucher und kälteempfindliche Pflanzen konnten in dem Tundrenklima nicht mehr existieren. Eine schützende Vegetationsdecke fehlte weitgehend. Wasser und Wind konnten die Landschaft formen und Dünen und Täler herausbilden.
Die Dünen wurden vom Wind aufgeweht, an anderen Stellen wurde Sand weggeblasen. Wenn eine wasserstauende Schicht im Untergrund lag, konnten in solchen Mulden kleine Moore entstehen. Im Laufe der Zeit spülten die Bäche viel lockeren Sennesand weg, gruben sich in den Sand ein und bildeten die heutigen Täler. Trockentäler, die nicht regelmäßig Wasser führen, entstanden durch Erosion bei starken Niederschlägen. Ihre heutige Form erhielten die sennetypischen Kastentäler aber nicht allein durch die Kräfte der Natur sondern auch durch Menschenhand. Früher stach man Sand an den Talrändern ab und brachte das Material am Talgrund wieder auf. Der Talraum wurde dadurch verbreitert und man gewann mehr Wiesenflächen. Nach dem Ende der Kaltzeiten setzte vor etwa 10.000 Jahren die Wiederbewaldung ein. Zuerst kamen Pioniergehölze (z.B. Birken und Weiden), später auch die Kiefer. In einer wärmeren Phase breiteten sich Ulme, Eiche, Linde, Esche und Ahorn aus. Als die Temperaturen etwas absanken, wanderte schließlich die Buche ein.

- Das Fließgewässersystem der Senne (© Naturschutzzentrum Senne)

- Morphologie der Sennebäche (aus: HÜPPE, POTT & STÖRMER 1989)

- Stand der Besiedlung im 17. Jahrhundert
(aus SENNESTADT GMBH 1980)

- Plaggenhauer
© L. Maasjost

- Plaggenkarren
© L. Maasjost

- Podsol-Bodenprofil
(aus: LANDWIRTSCHAFTLICHE BERATUNG THOMASDÜNGER 1986)

- Besenheide (Calluna vulgaris)
© P. Rüther
Anfänge der Besiedlung
Älteste archäologische Funde aus dem Senneraum belegen, dass bereits in der mittleren Steinzeit vor 5.500-10.000 Jahren Jäger und Sammler durch das Gebiet gezogen sind. Weil die Nährstoffbedingungen auf den eiszeitlichen Sanden aber sehr schlecht waren, wurden dieses Gebiet erst sehr spät dauerhaft besiedelt. Bis zum 12. Jahrhundert lag die Senne als siedlungsfreie „Insel“ in dem schon allgemein besiedelten ostwestfälischen Raum. Erst dann wurden die ersten Höfe in den Randbereichen der Senne angelegt. Die Besiedlung erfolgte spärlich von Westen kommend entlang der Bachläufe. Nach dem 30-jährigen Krieg begann die planmäßige Besiedlung der inneren Bereiche. Bis dahin wurde das Gebiet von den umliegenden Siedlungen als Weideland für Schafe, Rinder und Pferde genutzt. Die Senner Pferde spielten dabei eine besondere Rolle, weil sie nicht gehütet wurden, sondern in freier Wildbahn lebten. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten die kleinen zähen Pferde der lippischen Fürsten als Wildpferde zum Bild der Senne. Das Gemälde von Rötteken und Quentell gibt einen guten Eindruck von dem damaligen Landschaftsbild.
Heidebauerntum
Das Heidebauerntum war die entscheidende Wirtschaftsform, die seit dem Mittelalter die Landschaft herausgebildet hat. Auf den extrem nährstoffarmen Sanden der Senne waren die Wälder aus Eiche, Birke und Kiefer schlechtwüchsig und licht. Durch Waldweide und Holzeinschlag wurden sie weiter aufgelichtet. Unterstützt durch den Plaggenhieb, der seit dem Mittelalter regelmäßig ausgeführt wurde, entstand so aus der natürlichen Waldlandschaft eine Offenlandschaft, die alte westfälische Heidelandschaft. Großflächige Heiden und Grasflächen, offene Sandflächen, Dünen und Kleinmoore, Gehölzgruppen und Bachtäler prägten jahrhundertelang das Landschaftsbild weiter Bereiche der Senne und in ganz Nordwestdeutschland.
Die Sennebauern gewannen Heideplaggen, indem sie mit speziellen Hacken eine mehrere Zentimeter dicke Bodenschicht mitsamt dem Heidekraut und der oberen Wurzelschicht abschälten. Die Plaggen wurden zunächst als Einstreu in die Ställe gebracht und anschließend mit dem Dung der Haustiere auf den Feldern verteilt, um eine – wenn auch geringe – Düngung der Äcker zu erzielen. Daneben wurden auch sogenannte „Mucken“ gestochen, backsteingroße Torf- oder Humusstücke, die nach der Trocknung als Brennmaterial dienten. Diese Wirtschaftsweisen reichten stellenweise bis in das 20. Jahrhundert. Erst nach der Entwicklung künstlicher Düngemittel wurden sie aufgegeben.
Durch das Plaggenstechen entstanden Sandflächen ohne Vegetation, die erst nach Jahren wieder von Pflanzen, meistens dem Heidekraut, besiedelt wurden. Der offene Boden wurde durch Auswaschungen immer nährstoffärmer. Das Regenwasser verlagerte Eisen- und Humusbestandteile des Oberbodens in tiefere Bodenschichten. Der obere Bodenhorizont erscheint dadurch gebleicht. In etwa 30 bis 40 Zentimeter Tiefe werden die ausgewaschenen Stoffe wieder abgelagert. Der Boden ist hier dunkel gefärbt, verhärtet stark und wird als Ortstein oder Orterde bezeichnet. Ein sogenannter Podsol ist entstanden, der charakteristische Bodentyp auf Sanduntergrund in einem kühlen und feuchten Klimagebiet. Je näher die Ortsteinschicht an der Bodenoberfläche lag, desto ungünstiger war sie für das Pflanzenwachstum.
Während der Heidebauernwirtschaft wurden die Plaggen in gemeinschaftlich genutzten Marken gewonnen. Diese Gemeinheiten - wie die Marken hierzulande genannt wurden - gehörten der Gemeinschaft der umliegenden Hofbesitzer unter der Hoheit des Grundherren. Die Rechte zur Nutzung der Marken, d. h. der Heideflächen, erstreckten sich vor allem auf die Hude, den Plaggenhieb und das Torfstechen. Der Flächenbedarf für die Plaggengewinnung war beachtlich, denn die Regeneration der Vegetation dauerte lange. Erst nach 10-20 Jahren konnte ein erneuter Plaggenhieb vorgenommen werden. In der Zwischenzeit wurden die Flächen beweidet, meistens mit Schafen. Die Waldentwicklung wurde durch Plaggenhieb und Beweidung nachhaltig unterdrückt. Trockene, magere Heideflächen mit Gräsern und Heidekraut dehnten sich flächenhaft aus.
Auf den durch den Plaggenhieb entstandenen offenen Sandstellen war die Erosion durch Wasser und Wind sehr stark, an manchen Stellen war sie zeitweilig gar nicht mehr zu kontrollieren. Trockener Sand wurde vom Wind aufgeweht, Dünenbildungen und Dünenbewegungen waren die Folge. Auch die wilden Pferde des lippischen Fürstenhauses hatten ihren Anteil an den starken Erosions-Erscheinungen in dieser Zeit. Im Vergleich zu Schafen war die Trittwirkung der Pferde ungleich stärker. Eine dünne Vegetationsdecke konnte von ihnen leicht wieder zerstört werden.
Die Heidelandschaft der Senne
Als Ergebnis der langen Nutzungsgeschichte durch den Menschen ist die Senne eine kleinräumig strukturierte Kulturlandschaft geworden. Viele verschiedene Lebensräume liegen teilweise auf engem Raum nebeneinander. Trotz dieser Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume denken viele Menschen bei dem Wort „Senne“ zuerst an große Heideflächen. Die Heideflächen haben auch viele Jahrhunderte das Landschaftsbild der Senne geprägt. Sie sind bedeutsame Zeugen einer historischen Landnutzung.
Das Wort „Heide“ ist germanischen Ursprungs und bedeutet soviel wie „unbebautes, wildes Land“. Zunächst war damit das ganze Land außerhalb des Hofes einschließlich der Äcker gemeint, später wurde der Begriff eingeschränkt: Heide wurde zu einem Rechtsbegriff zur Unterscheidung von gemeinschaftlichem und privatem Besitz. Noch später wurde Heide einfach mit "Einöde", d.h. unbebaubares Land, gleichgesetzt. Erst Hermann Löns, der bekannte Heimatdichter, bezog den Begriff "Heide" ausschließlich auf die von Zwergsträuchern geprägten Landschaftsformen.
Die Charakterart der Heiden ist das Heidekraut, auch Besenheide genannt. Keine andere heimische Gehölzart stellt so geringe Ansprüche an die Nährstoffverhältnisse des Bodens. Auf offenen Sandstellen, die im Heidebauerntum durch das regelmäßige Abplaggen entstanden, konnte die Besenheide gut keimen und diese Standorte rasch besiedeln. Dabei kam ihr auch die reichliche Samenproduktion zugute.
Weitere typische Pflanzenarten von Heideflächen sind der Englische und der Behaarte Ginster. Sie sind aber deutlich seltener als das Heidekraut und nicht auf jeder Heidefläche zu finden. Nicht ausschließlich auf Heideflächen beschränkt sind z.B. Berg-Sandglöckchen, Bauernsenf und Kleines Habichtskraut, die auch auf trockenen Grasflächen, auf Sandäckern und an Wegrändern vorkommen.Die historische Heidelandschaft bestand aber nicht nur aus Flächen mit Heidekraut. Heideflächen wechselten sich ab mit trockenen Grasflächen, feuchten Senken mit Glockenheide, offenen Sandstellen und kleinen Gehölzgruppen. Diese vielfältige Landschaft bot zahlreichen Arten Lebens- und Rückzugsraum.
Rückgang der Heiden
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Heiden noch großflächig im gesamten Landschaftsraum Senne zwischen Bielefeld und Paderborn verbreitet. Alte Karten geben darüber Aufschluß. Mit den planmäßigen Aufforstungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts verschwanden sie immer mehr. Die Entwicklung der Dampfpflüge, mit denen die harte Ortsteinschicht unter den Heideflächen durchbrochen werden konnte, ermöglichte deren Kultivierung und trug wesentlich zum Rückgang der Heiden und zur Veränderung der Landschaft bei. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen Heiden schwerpunktmäßig nur noch im Bereich des heutigen Truppenübungsplatzes und im lippischen Teil der Senne vor, wo die Kiefern-Aufforstungen erst sehr viel später erfolgten als im preußischen Teil.
Heute finden wir in der Senne große Heideflächen ausschließlich auf dem Truppenübungsplatz. Außerhalb des militärisch genutzten Bereiches gibt es sie noch in einigen Naturschutzgebieten (z.B. in der „Moosheide“ und im „Augustdorfer Dünenfeld“) und in ehemaligen Sandabgrabungen (z.B. bei Oerlinghausen). Im frei zugänglichen Bereich der Sennelandschaft sind die einstigen großen Heideflächen unwiederbringlich verloren. Sie können nur noch als Relikte erhalten und manchmal auch auf kleinen Flächen durch Naturschutzmaßnahmen neu entwickelt werden. Das Potenzial dafür ist in der Senne nach wie vor vorhanden.
Im anderen Landschaftsräumen Nordwestdeutschlands, die früher von großen Heideflächen dominiert wurden, sind sie noch seltener geworden als in der Senne. Landes- und bundesweit gehören sie zu den stark gefährdeten Lebensräumen. Der Rückgang von trockenen, nährstoffarmen Offenlandbiotopen wirkte sich direkt auf die typischen Pflanzen- und Tierarten dieser Lebensräume aus, die infolge dessen deutliche Bestandsrückgänge erlitten haben.
Im Landschaftsraum Senne sind durch die über 100-jährige militärische Nutzung große Teile der Heidelandschaft mit ihrer charakteristischen Pflanzen- und Tierwelt bis in die Gegenwart erhalten geblieben. Unterstützt wurde dies durch in den letzten Jahren einsetzenden Naturschutz-Bemühungen um Heideflächen. Dennoch sind viele Arten in ihrem Fortbestand akut bedroht und besonders zu schützen.
- LANDWIRTSCHAFTLICHE BERATUNG THOMASDÜNGER [Hrsg.] (1986): Zur Bodenfruchtbarkeit. - Eigenverlag, 64 S.
- HÜPPE, J. , POTT, R. & STÖRMER, D. (1989): Landschaftsökologisch-vegetationsgeschichtliche Studien im Kiefernwuchsgebiet der nördlichen Senne. - Abh. Westf. Mus. Natkde. 51 (Heft 3), 77 S.
- HUTTER, C.-P., SCHROEDER, CH. & RÜTHER, P. (2000): Senne und Teutoburger Wald - Natur erleben und entdecken. - Weitbrecht Verlag, Wien, 176 S.
- JÖBGES, M. & B. CONRAD (1999): Verbreitung und Bestandssituation des Ziegenmelkers (Caprimulgus europaeus) und der Heidelerche (Lullula arborea) in Nordrhein-Westfalen. LÖBF-Mitteilungen 2/1999: 33-40.
- SENNESTADT GMBH [Hrsg.] (1980): Sennestadt - Geschichte einer Landschaft. - Eigenverlag, 463 S.
- SKUPIN, K., SPEETZEN, E. & ZANDSTRA, J.G. (1993): Die Eiszeit in Nordwestdeutschland. - Krefeld (Geologisches Landesamt NRW), 143 S.
